»Großes Kino nach Tatsachen!«
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»Ein düsterer und vielschichtiger Thriller über die Dämonen der Vergangenheit, unbedingt sehenswert«
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„FURCHT UND FASZINATION“

Ein Gespräch mit Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Pablo Trapero


Sie erzählen in EL CLAN die Geschichte eines unfassbaren Verbrechens, das sich im Argentinien der Achtzigerjahre abgespielt hat. Ist dieser Fall in Ihrer Heimat auch heute noch ein Thema?

Die Zeitungen waren voll davon, als ich 13 oder 14 Jahre alt war. Das ganze Land sprach darüber. Es ist eine Geschichte, die sich damals in die Psyche einbrannte, weil sie so unglaublich war und weil ein populärer Spieler des Rugby-Nationalteams involviert war. Als ich vor ein paar Jahren mit der Arbeit an dem Film begann, war sie aber doch weitestgehend in Vergessenheit geraten. Die meisten Leute meiner Generation waren noch mit den Grundzügen vertraut, die jüngere Generation wusste kaum noch etwas davon. Die Recherche erwies sich als schwieriger, als ich gedacht hatte. Obwohl der Fall damals eine so große Aufmerksamkeit bekam, gab es zu diesem Zeitpunkt nicht ein einziges Buch darüber. Erst einen Monat bevor mein Film in die Kinos kam, wurde das erste Buch über den Fall veröffentlicht.


Warum wollten Sie dennoch einen Film darüber machen?

Ich habe den Fall nie vergessen. Und ich denke, dass es vielen Menschen in meinem Alter so geht. Es war damals ein wichtiger Kriminalfall, einer der größten in der Geschichte des Verbrechens in Argentinien. Ich kann mich noch ziemlich gut an die Schlagzeilen erinnern: Wohlhabende Familie entführt Freunde aus deren Zuhause. Das war so bizarr, so merkwürdig. Wie kann man das vergessen? Mir schwebte das filmische Porträt einer ganz normalen Familie vor, einer nachvollziehbaren Familie, in der man sich wiedererkennt. Die sich dann aber doch nicht als so normal erweist, wie es nach außen den Anschein hat.


Furcht und Faszination: Das trifft auch auf Arquímedes Puccios ältesten Sohn Alejandro zu, der seinen Vater fürchtet, aber natürlich auch fasziniert ist von diesem dominanten Mann und ihm gegenüber loyal sein will, wie es sich für einen guten Sohn gehört.

Deshalb funktioniert die Geschichte, auch wenn sie noch so unglaublich ist. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist universal. Natürlich ist es wichtig, dass der Film in den Achtzigerjahren spielt, in den frühen Tagen nach der Diktatur. Aber man kann die Ereignisse nur deshalb wirklich nachvollziehen, weil man die Vater-Sohn-Dynamik versteht. Was sich entfaltet, die Entführungen, die Morde, muss man immer auch vor diesem Hintergrund sehen. Wir müssen verstehen, was sich im Haus der Familie Puccio abspielt. Es ist gar nicht so wichtig, in welchem Jahr wir uns gerade befinden, ob es nun 1982 oder 1985 ist, ob die Diktatur gerade in den letzten Zügen liegt oder der demokratische Prozess bereits begonnen hat. Entscheidend ist, dass sich die einzelnen Momente echt anfühlen, dass sie eine Wahrheit beinhalten, die man versteht und spürt. So ähnlich ging es mir auch bei meinen Recherchen. Ich habe die Geschichte Moment für Moment zusammensetzen müssen. Das passierte nicht linear. Deshalb ist der Film auch nicht linear erzählt, sondern springt in den Zeitebenen. Ich wollte mit dem Publikum meine eigene Vorgehensweise und Erfahrung im Umgang mit dem Fall teilen.


War es Ihnen möglich, sich in Arquímedes hineinzuversetzen, in seine Denkweise, wie er selbst das abscheulichste Verbrechen für sich rational erklärt als etwas, das getan werden musste?

Als Filmemacher muss man alle Figuren lieben, die man erschafft. Das ist nicht immer einfach. Schon gar nicht, wenn man es mit einem Mann zu tun hat, der so schrecklich ist wie Arquímedes. Aber ich sehe das als meine Aufgabe an, Figuren zu erschaffen, die einen einerseits einladen, aber gleichzeitig auch auf Distanz halten. Da haben wir es wieder: Faszination und Furcht. Für mich stand eigentlich immer fest, mit Arquímedes ein Monster erschaffen zu wollen, einen richtigen Bösewicht, der größer ist als das Leben. Ich wollte dem Publikum keine Möglichkeit geben, sich auch nur einen Moment mit ihm zu identifizieren. Nachvollziehen – ja. Verstehen – ja. Aber identifizieren? Nein. Das erschiene mir wie eine Rechtfertigung seiner Taten. Und da ist nichts, was man rechtfertigen könnte. Ich konnte ihn nur als Monster zeigen. Aber er hat auch eine absurde Qualität, als wäre er einem Film von Buñuel entsprungen. Was dieser Strategie entgegen kam, ist mein Hauptdarsteller, Guillermo Francella. Er ist einer der beliebtesten Schauspieler Argentiniens und einer der liebenswertesten und sympathischsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann. Obwohl man ihn international vor allem aus „El secreto de sus ojos“ („In ihren Augen“, 2009) kennt, liebt man ihn in seiner Heimat vor allem als Komödiant, er ist ein Clown. Er bringt die Leute zum Lachen. Ihn als Arquímedes Puccio zu besetzen, ist wie ein Hieb in die Magengrube. Das war sehr effektiv.